Wir sind hipper, cooler, reicher
In Kiew eröffnet der ukrainische Oligarch Wiktor Pinchuk ein Museum für zeitgenössische Kunst. Das Beste aus dem Westen ist für den Osten gerade gut genug
VON BARBARA LEHMANN
.
Bodyguards, Gitter, Sicherheitsschleusen vor dem Mandarin Plaza. Hier stockt der Menschenstrom,
der über den Chreschtschatyk,
Kiews Hauptstraße, dem bessarabischen
Viertel entgegenflutet. über den pompösen Steinquadern
des Einkaufsparadieses für die Superreichen
flattert die Reklame für ein 1500 Dollar teures Handy.
Heute Abend eröffnet hier das Pinchuk Art
Center, das erste Museum für zeitgenössische Kunst
in der Ukraine. Vor dem Eingang stauen sich die
Limousinen, Damen in feinen Roben entblößen
das Innere ihrer Krokotäschchen vor den Röntgenaugen
der Sicherheitskräfte. In verchromten Liften
schweben sie vorbei an Bentley-, Porsche- und Meissen-
Niederlassungen in den Tempel der Künste. Das
Museum des Oligarchen Wiktor Pinchuk verteilt
sich auf zwei Etagen, gekrönt von einer in weißem
Leder gehaltenen Skyloft. Vor den Panoramafenstern
ragen als surreale Kulisse Kiews brüchige Mauern
ins Bild.
Perfekt schmiegen sich die Kunstwerke an subtil
beleuchtete Wände. Wo das Tageslicht versiegt, helfen
künstliche Lichtquellen aus, hinter Sichtblenden
verschwunden. Das Schwarzgrau der Granitplatten
am Boden kontrastiert mit der blendenden Helle der
Umgebung. Wir sind wie ihr seid!, lautet die Botschaft
an den westlichen Besucher, nur hipper, cooler,
reicher. Installationen, Videos, Gemälde und Photos
der angesagtesten westlichen Künstler schmücken die
durchgestylten Räume, Olafur Eliasson, Philippe
Pareno, Thomas Ruff, Sarah Morris. Harmonisch
verschmelzen die Arbeiten der westlichen Kunst-
Haute volee mit denen ihrer unbekannteren ukrainischen
Kollegen. Die Mehrzahl von ihnen, wie Oleg
Kulik oder Boris Mikhailov, lebt ohnehin im Westen
oder in Moskau und wird unter dem eingängigeren
Label "russische Kunst" gehandelt.
Zwei günstige Eheschließungen
machten den Sammler reich
Olexander Gnilizkijs hyperrealistisches ölbild einer
Vinylschallplatte korrespondiert mit Thomas Ruffs
Fotografien Vietnam River und Bagdad Bombing, auf
denen selbst die Rauchsäule nach einem Bombeneinschlag
zur dekorativen Chiffre gerinnt. Vasyls
Tsagolovs großflächige Gemälde-Videoinstallation
Orgie, auf der sich die mythologischen Gestalten des
Hollywoodkinos tummeln, findet seinen Echoraum
im Breitwandschinken des thailändischen Künstlers
Navin Rawanchaikul, Art or M "Art", der in den Kulissen
von Veroneses Hochzeit in Kanaan die Kunstlegenden
von Renoir über Dalн bis Picasso versammelt.
Das von Rawanchaikul ebenfalls verewigte
Transvestitenpaar Eva und Adele steigt zur Eröffnung
von der Leinwand herunter und mischt sich leibhaftig
und bonbonrosaverpackt unter die Kiewer tusowska,
die handverlesene Schar aus Künstlern, Galeristen,
Kuratoren. "Greetings to Kiew", hauchen die beiden
in die Jahre gekommen Ladys.
Lässig lehnt der Hausherr Pinchuk in der Sky-Bar
an der schwarzen Marmortheke. Berater und Mitarbeiter,
unter ihnen der französische Architekt Philippe
Chiambaretta, sein Kuratorenfreund Nicolas Bourriaud
und dessen ukrainischer Kollege Okelsandr
Solowjow, liefern dem Berlusconi-Freund aus der
Ukraine die Stichworte. Zwei vorteilhafte Eheschließungen
beförderten den einfachen Ingenieur Pinchuk
in die Liga der Mächtigen und Reichen. Früher war
der Schwiegersohn des Expräsidenten Leonid Kutschma
publikumsscheu, jetzt gibt sich der 45-Jährige vor
den westlichen Journalisten charmant und offen. Sein
Museum werde die ukrainische Gesellschaft zivilisieren
und Europa näher bringen, beteuert er, außerdem
werde es eine Brücke zwischen ukrainischer und internationaler
Kunst bauen. Seit dem Sieg der Orangenen
Revolution im Herbst 2004 sitzt Pinchuk nicht
mehr im Parlament, nun beharrt er auf der Trennung
von Politik und Wirtschaft. Und vergisst dabei zu
erwähnen, dass sich sein milliardenschweres Unternehmen
Interpipe, ein weit verzweigtes Stahl-, Pipeline-
und Medienimperium, eben dieser Allianz aus
Macht und Geld verdankt. Die Imageaufbesserung
durch das Museum mag ihm zu Hause nützen, aber
vor allem dient ihm das Vorzeigeprojekt als Visitenkarte
für westliche Banken.
Bei der Revolution vor zwei Jahren verlor
Pinchuk nicht nur sein Mandat, sondern schätzungsweise
auch die Hälfte seines Vermögens. Anfang
2004 hatte Pinchuk seinem Konzern für 800
Millionen Dollar das Stahlwerk Kriworosch einverleibt.
In Wahrheit war das Unternehmen wohl
viel mehr wert, und Wiktor Juschtschenko machte
den zwielichtigen Deal zum zentralen Thema seines
Wahlkampfs. Nach seinem Sieg entriss er
Pinchuk das Schnäppchen wieder, das Werk wurde
in einer landesweit übertragenen Auktion erneut
versteigert. Julia Timoschenko, damals noch die
blondzopfbekränzte Mitstreiterin an Juschtschenkos
Seite, wollte daraufhin weitere Unternehmen
Pinchuks wie die Nikopol-Stahlhütte erneut verstaatlichen.
Die Bemühungen der Volkstribunin,
die selbst über ein beträchtliches Vermögen verfügt,
scheiterten am Widerstand der wiederauferstandenen
alten politischen Garde.
"I love Julia" verkündet auf dem Maidan ein
weißes Transparent mit rotem Herzen. Der Haarkranz
der charismatischen Oppositionsführerin
leuchtet wie ein Heiligenschein auf den Fotos, die
die überreste der revolutionären Zeltstadt auf
Kiews zentralem Platz flankieren. Von dem mit einer
transparenten Plastikkuppel gekrönten Zeltparlament
weht müde die ukrainische Flagge. Vor
schmutziggrauen Planen verharren ein paar Unentwegte
als Zeichen stummen Protests. An einer
Holzwand prangen die Karikaturen der einstigen
Heroen der Revolution, die in den Augen der Zeltstadtbewohner
inzwischen zu überläufern und
Wendehälsen mutierten. Das Schild mit dem Namen
von Präsident Juschtschenko ist zerbrochen,
daneben prangen ausgerechnet die Initialen von
Wiktor Janukowitsch: Mit der Revolution hatte
Juschtschenko verhindern können, dass Janukowitsch
nach gefälschten Wahlen Präsident wurde,
nun muss er ihn als seinen Ministerpräsidenten
akzeptieren. Eine Karikatur verhöhnt die Dreieinigkeit
der Antikrisenkoalition, die den einstigen
Hoffnungsträger Juschtschenko mit den alten
Kräften verbandelt: Janukowitsch posiert als Bräutigam
des sozialistischen Parteiführers Moros, der
Julia Timoschenko die Treue aufkündigte, sodass
ihre geplante Traumhochzeit mit Präsident Juschtschenko
platzte. Als Trauzeuge des frisch vermählten
Paares Janukowitsch/Moros fungiert der
Oligarch Rinat Akhmetov. Doch ungeachtet des
sozialpolitischen Sprengstoffs scheinen die Gegensätze
bislang im friedlichen Miteinander zu existieren.
Hinter den Fenstern der neogotischen stalinistischen
Nachkriegsbauten am Maidan, in denen
einst die sowjetische Intelligenzia wohnte, befinden
sich nun die Büros und Lofts der Reichen. Vor
den Hauseingängen parken schrottreife Ladas einträchtig
neben 100 000 Dollar teuren Porsches.
In der alten Festung das Gegenmodell:
Eine ukrainische Eremitage
"Ich bin die Ukraine", sagt Igor Didkowskij. Der
Bankier und Herrscher über eine Mediaholding
steht vor einem Gedenkstern, den er sich selbst gegenüber
dem Klosterkomplex Petscherska Lawra
errichtet hat. Im weitläufigen Bürokomplex dahinter
baut der Verbündete von Präsident Ju schtschenko
mit 48 Mitarbeitern am nationalkonservativen
Gegenentwurf zu Pinchuks auf westlich getrimmtem
Museum - eine Art ukrai nische Eremitage.
Katharina II. ließ das Arsenal als Herzstück einer
Festungsanlage errichten; Pinchuk wollte in dem
30 000 Quadratmeter großen Hallenkomplex ursprünglich
sein Museum errichten. Noch kurz vor
der Orangenen Revolution präsentierte er dort seine
Sammlung in der Ausstellung Weg mit den Waffen!
Doch nach dem Volksaufstand wurde ihm das
Gelände wieder entrissen.
Nun ist das Arsenal, das in Sowjetzeiten eine
Rüstungsschmiede beherbergte, im Kulturkampf der
gespalteten ukrainischen Elite und ihrer Second-
Hand-Ideologien selbst zum Geschütz geworden.
Didkowskijs hybride, nationalistische Pläne, die sich
aus den Minderwertigkeitskomplexen nach jahrhunderterlanger
Besatzung speisen, zielen auf die
Renaissance der Ideologie von Volk und Boden. Eine
Universität, einen Konzertsaal, 16 Kinos und eine
Kathedrale des Friedens sieht er hier wachsen, die
Würdenträger aller in der Ukraine beheimateten
Konfessionen und internationale Konferenzgäste
sollen das Zentrum beleben. "Unser Präsident weiß
nicht, wohin er sein Volk führt", sagt der gelernte
Philosoph und Theoretiker eines "Nationalen Egoismus
", "wir sind Kinder der Natur, der Erde."
Ein ehemaliges Sanatoriumsgelände am Stadtrand
von Kiew. Es duftet nach frisch gemähtem
Gras, nach gebackenem Brot. Ein Mädchen mit
langen roten Locken hüpft im wild überwucherten
Garten vor einer Datscha der Jahrhundertwende,
ihr kleiner Bruder wickelt Regenwürmer um die
zarten Finger. Igor Podolchak dirigiert von seinem
Regiestuhl aus die Traumbilder einer verlorenen
Kindheit. Lange Jahre war er Imageberater von
Präsident Kutschma und arbeitete mit dessen
Schwiegersohn Pinchuk zusammen, nun setzt er
das archetypische Modell einer inzestuösen, um
einen asthmakranken Sohn kreisenden Familie in
Szene. Die ländliche Idylle soll im Film nur als Erinnerung
aufblitzen, der alltägliche Familienhorror
wird sich in den abgeschotteten Räumlichkeiten
eines großbürgerlichen Hauses ereignen. "Der
Film ist über mich", sagt Podolchak, "ich muss ihn
machen." Zwanzig Jahre lang experimentierte er als
bildender Künstler mit allen Gattungen, die letzten
sieben Jahre widmete er sich dem zynischen
Genre der politischen Reklame. "Man kraxelt einen
Felsen hoch, erreicht ein Plateau, dann will
man weiter." 800 000 Dollar des Filmbudgets finanziert
Podoltschak mit dem, was er in den letzten
Wahlkämpfen bei Janukowitsch verdient hat;
für die fehlendenen 350 000 Dollar sucht er noch
Sponsoren. Doch der Fachmann für die Chimären
der Werbung weigert sich, sein eigenes Produkt zu
promoten. Seine Prognose für das Pinchuk Art
Centre, das er für seinen ehemaligen Brötchengeber
erfunden haben will, ist düster: "Er sammelt
Geld, die Kunst ist ihm egal. Das künstlerische Leben
wird sein Museum kaum stimulieren."
Schäbige Markthallen, Häuserskelette, Bauten
vermodern in brüchigen Gerüsten. Abgerissene
Gestalten hocken vor selbst geflochtenen Warenkörben.
Diesmal hat sich die tusowska im ehemaligen
jüdischen Viertel an der Außengrenze des
Kiewer Zentrums versammelt, im schmalen Hinterhof
eines stillgelegten Gewerbebetriebs. Moskauer
Galeristen wie Putins Imageberater Marat
Gelman (der auch Pinchuk berät) sind ebenfalls
da. Der proletarische Ruinenlook der Galerie Zech
ist derzeit die angesagteste "alternative" Kunstadresse
in Kiew. Die Vernissage der jungen Künstlergruppe
Revolutionary Experimental Space (REP)
beginnt wenige Stunden vor der offiziellen Eröffnung
des Pinchuk-Museums. REP-Provokateure,
in weiße Tarnanzüge gehüllt, verkünden auf einer
Leinwand, die zeitgenössische Kunst in der Ukraine
sei ein künstliches Phänomen, das vom offiziellen
kulturellen Leben ignoriert werde. Ein ölschinken
zeigt die revolutionären Massen auf dem
Maidan, über ihren Häuptern schweben antirevolutionäre,
kunstfeindliche Sprechblasen. Scheinbar
kritiklos übernehmen die REP-Künstler die Stereotypen
der Massenkultur, um sie gleichzeitig zu unterwandern.
Subversion durch Affirmation ist, wie
schon bei den Moskauer Konzeptualisten der siebziger
Jahre, ihre Devise. Schon plant das Pinchuk
Art Center, diese neue Generation zu präsentieren.
Die Aussicht lukrativer Einzelausstellungen hat die
ursprünglich aus 20 Mitgliedern bestehende Gruppe
bereits gespalten.
Damen im Rokoko-Kostüm zielen
mit Kalaschnikows in die Menge
Die Fassade des Pinchuk Art Center verhüllt inzwischen
eine riesige weiße Plastikplane, auf der die
Namen von Dalн, Picasso und anderen westlichen
Großkünstlern stehen. Politiker aller Couleur, Schriftsteller,
Regisseure, Businessleute, TV- und Filmsternchen
pressen sich wie die Sardinen in den Innenhof
des Mandarin Plaza. Gogogirls tanzen in mit Künstlernamen
bestückten Käfigen; ihre Kostümchen
versuchen, mit den Werken ihrer Namenspatrone zu
harmonisieren. Damen im Rokoko-Outfit zielen mit
Kalaschnikows in die Menge.
Auch der Maler Oleg Tistol, dessen "telerealistische
" ölbilder von der Inauguration des Papstes
und den protestierenden Janukowitsch-Wählern
nun in Pinchuks Museum hängen, ist unter den
Happy Few der geladenen Gäste. "Wir brauchen
keine Machthaber", sagt Tistol, der jahrelang im
Untergrund wirkte, "die Vorgaben des Kultusministeriums
werden uns nur stören." Kunst und
Wirtschaft würden sich in einem politischen Vakuum
am besten entfalten. Auf der Bühne zieht
Pinchuk mittlerweile an einer Leine, eine Kopie
des Mandarin Plaza aus Styropor stürzt zusammen.
Ein Schwarm halb bekleideter Damen flattert im
Hintergrund auf, ein contergangeschädigtes Mädchen
malt mit den Füßen einen Schmetterling.
Rauch steigt hoch, erstarrt zur schwarzen Säule.
Die Zuschauer fotografieren das Ereignis mit ihren
Mobiltelefonen. Ist das noch Kunst oder schon
echte Gefahr? Erst als Feuerwehrleute die Bühne
stürmen, lichtet sich der Innenhof allmählich.